Sep 10

500 Jahre Reformation

Liebe Gemeinde! Liebe Leserinnen und Leser!

Da verlässt ein Pfarrer sein Kirchengebäude, um endlich einmal wieder denen nahe zu sein, die ihn hören sollen. Aber oben auf seiner Kanzel bleiben, will er auch. Das vertraute Plätzchen, die gewohnte Sicherheit verlassen möchte er wohl nicht so gern. Er möchte Menschen nahe sein – und zugleich bleiben, was er ist und was er denkt und was er redet. Zwei Jungs hat er gefunden, die ihn hinausbefördern, die seine Kanzel unter die Leute rollen. Da kann er nahe sein und oben bleiben. Da muss sich nichts verändern. Da kann er weiter wissen, was er schon lange zu wissen meint, und weiter glauben, was er schon längst zu glauben hat. So erhoben und geschützt kann er sich vormachen, er sei den Menschen nahe. Und ist doch so fern, solange er nicht unten ist.

Wir feiern in diesem Jahr das 500. Jubiläum der Reformation. Und da steht es der Gesamtheit der Protestanten und damit auch uns als Markusgemeinde nicht schlecht zu Gesicht, darüber – auch selbstkritisch – nachzudenken, was Reformation für die Kirche heute bedeuten kann. Reformation beginnt, um im Bild zu bleiben, mit dem Hinabsteigen. Wer nicht hinabsteigt, erfährt nichts, nimmt nichts wahr, spürt keine Entwicklungen oder Veränderungen. Im Elfenbeinturm bleiben, oder – gehen wir mal von dem Gedanken eines Gefälles weg – hinter den Kirchenmauern verharren und den Menschen nahe kommen schließen einander aus. Reformation beginnt mit der Bewegung derer, die sich in den Gewohnheiten und Sicherheiten der verfassten Kirche eingerichtet haben, in tradierten Ritualen, die häufig mit der Lebenswelt der Adressaten nichts mehr zu tun haben. Wer hören will, was Menschen wirklich fühlen, denken, fürchten und hoffen, der muss sich selbst bewegen und sein Ohr dahin bringen, wo gelebt, gefühlt und gezweifelt wird. Oder mit den Worten der Religionssoziologie: er muss den verschiedenen sozialen „Milieus“ gerecht zu werden versuchen.

Es wird nicht mehr lange so bleiben, wie es ist, denke ich. Die Geschichte unserer Kirche, so wie wir sie kennen, wird wohl schon bald an ihr Ende kommen. Es gibt Anzeichen, die darauf hinzudeuten scheinen. Nicht nur die vielen leeren Bänke sonntags in den Gotteshäusern – da sind wir in Markus allerdings noch (!) anderes gewöhnt – , nicht nur die Allgegenwart der großen finanziellen Sorgen in den Gemeinden. Eher ist an den sich vertiefenden Graben zu denken, den Graben zwischen dem, was Menschen suchen und dem, was wir ihnen von uns aus anbieten. Zu viele glauben „uns“ nicht mehr – das ist das viel größere Problem am Anfang des dritten Jahrtausends der Kirche. Zu viele schon haben sich abgewandt oder werden sich noch abwenden, weil sie nicht mehr wahrnehmen können, dass wir leben, was wir glauben. Oder weil sie nicht mehr sehen, dass wir glauben, was wir leben. Und sie sehen wohl schärfer hin als noch vor Jahren. Die verfasste Kirche schützt nicht mehr. Die in den Kirchengemeinden agierenden Personen, die Pfarrer*innen, die Hauptamtlichen, die Ehrenamtlichen, allen voran die Presbyter*innen – sie alle sind viel schärfer im Blick als in früheren Zeiten.

Und viele Menschen sehen, hören, empfinden und fragen: Glaubt er, was er sagt? Lebt sie, was sie glaubt?

Dass wir uns nicht verrammeln in festgefügten Gemeindegruppen, uns nicht abgrenzen als Insiderclub, der es Menschen schwer macht, dazuzustoßen, dass wir uns nicht verstecken hinter dem „Das-war-immer-schon-so“: das wäre schon Reformation heute. Dass wir uns nicht verbergen hinter überlieferten Redewendungen, die wir vielleicht selbst nicht mehr glauben und nur noch meinen, wiederholen zu müssen. Dass wir uns nicht auf Kanzeln stellen, die uns unkenntlich machen. Dass wir uns nicht angewöhnen, die Haustür zu schließen, Sprechzeiten zu erfinden und das Heil im nur Privaten suchen – das alles wäre ja schon Reformation heute. So ähnlich hat es auch vor kurzem erst der großartige Theologe Fulbert Steffensky auf dem Berliner Kirchentag gesagt.

Ich will in meiner Funktion als Pfarrer kein Wort mehr sagen, das ich nicht empfunden habe, hinter dem ich nicht wirklich stehe.

Ich will keine religiöse Sprache verwenden, die jeglicher Haftung an der Lebenswelt der Gemeindemitglieder entbehrt. Ich will mir die Zweischneidigkeit des Glaubens eingestehen und sie annehmen, annehmen immer auch in mir. Dass wir als Kirche, dass wir als Markusgemeinde die wirklichen Anfechtungen des Glaubens und Lebens beim Namen nennen, sie uns selber erzählen und vor Gott klagen – das bringt uns denen nahe, die angefochten sind. Vielleicht gehören wir ja selbst dazu. Und wenn wir noch besser hinhören, werden wir vielleicht auch wieder mehr gehört.

Im Vertrauen auf die Kraft der guten Botschaft Gottes, aus der die Kirche kommt und der allein sie ihren Bestand verdankt, grüßt Sie ganz herzlich

Ihr Pfarrer
Michael Opitz

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